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Valerio Stahel

Gespräch mit Valerio am 28. November 2007 im Wohnzimmer in der Fuentecilla.
 

Kannst du dich erinnern, wann du zum ersten Mal hergekommen bist?
Ja, da kann ich mich einigermaßen erinnern. Das war 1985. Da war Jeanne in Los Escullos im Haus von Annemarie. Annemarie war in der Schweiz und hat Jeanne gebeten, das Haus zu hüten. Jeanne war da, zwei Monate glaube ich, und ich bin drei Wochen runtergekommen,  weil ich damals noch im Schulunterricht war.
...du hattest Schulferien...
...ja, das waren Schulferien. Jeanne kennt die Gegend hier seit über vierzig Jahren. Sie war hier das erste Mal als ihre Kinder klein waren, das war in den sechziger Jahren. Und sie hat immer gesagt, sie möchte mal hierher zurückkommen und das war dann die Gelegenheit, dass sie hier war, und ich hab sie besucht.

Kannst du dich erinnern, ob dich damals etwas besonders beeindruckt hat?
Etwas, was immer wieder zur Sprache gekommen ist in den letzten Jahren, das war, dass ich damals so reagiert hab, dass ich gesagt habe: die Gegend, die gefällt mir, aber hier könnte ich nie leben, weils keine Wälder hat. Und jetzt lebe ich seit siebzehn Jahren hier. Die Wälder bedeuten mir viel, und dass ich jetzt trotzdem seit siebzehn Jahren hier lebe hat damit zu tun, dass wir zwei bis drei Mal im Jahr in die Schweiz fahren, und dort kann ich die Wälder dann ausgiebig genießen und das genügt dann.

Ok. Ich wollte gerade fragen, was ist mit dir passiert, dass du keine Wälder mehr brauchst...
...doch doch, ich brauch sie noch. Aber es reicht mir wenn ich sie zwei, drei Mal im Jahr woanders genießen kann.

Und dann, das nächste Mal als du herkamst?
Bald darauf hat Jeanne ein Buch sehr gut verkauft und ein bißchen Geld gehabt und hat in Las Presillas das erste kleine Häuschen gekauft. Von da ab sind wir natürlich regelmäßig heruntergekommen. Und 1990 haben wir uns dann entschlossen, mal richtig hierher zu ziehen, für ein Jahr, haben wir gesagt. Die Wohnung, die wir in Biel hatten, haben wir behalten. Dort haben unsere Kinder eine Wohngemeinschaft mit anderen eingerichtet. Dahin hätten wir also dann nach  einem Jahr zurückkehren können, aber es hat uns hier so gut gefallen, dass wir geblieben sind. Und inzwischen sind es siebzehn Jahre.

 

Aber ihr wohnt ja nicht mehr in Las Presillas.
Nein, wir haben dann etwa nach fünf Jahren etwas größeres gesucht, weil immer mehr Leute zu uns kamen, weil es so schön ist, die Ferien hier zu verbringen.  Und in unserem Häuschen in Las Presillas hatte es keinen Platz, ständig Gäste unterzubringen für  längere Zeit. In Las  Presillas haben wir aber nichts größeres gefunden. Dann haben wir dieses Haus hier gefunden und haben jetzt Platz für die Feriengäste.

Was würdest du sagen war ausschlaggebend dafür dass du, oder ihr, entschieden habt, hier zu leben anstatt in der Schweiz?
Irgendwie war ein Wechsel fällig, denke ich. Ein Neuanfang. Für mich war die Situation so, dass  meine Kinder gerade erwachsen wurden. Vorher hätte ich das nicht machen können, weil  mein Sohn bei mir war. Der ging aber dann nach Zürich zum Studieren, und in dem Moment war ich irgendwie frei. Und auch beruflich hatte ich das Bedürfnis, mich zu verändern. Ich war ja Lehrer am Gymnasium während sieben Jahren und hab gespürt, das will ich jetzt eigentlich nicht bis zur Pensionierung weitermachen, sondern ich möchte da was anderes. Und dann haben wir hier so einen Neuanfang gemacht, der uns dann so gut gefallen hat, dass wir gesagt haben, da machen wir jetzt weiter. Für Jeanne war es sehr gut zum Fotografieren hier. Etwas recht anderes als in der Schweiz. Und ich habe auch neues entdeckt. Ich hatte zum ersten Mal Zement in meinen Händen, wie ich da beim Umbau meines Häuschens in Las Presillas selber mitgewirkt habe. Und das hat mir Spaß gemacht quasi auf dem Bau zu arbeiten und  zu entdecken, wie man ein Haus baut und wie man Elektrizität und das Sanitäre installiert. Das  ist mir seither geblieben. Das habe ich immer wieder da oder dort gemacht, zuletzt in Biel, weil ich vor drei Jahren dort ein Haus gekauft habe, und da habe ich auch dort den größten Teil selber umgebaut.

Was bedeutet  dir das, dass du jetzt  "Zement in den Händen" hast und weißt, wie man ein Haus baut?
Es ist ein bißchen ein Ausgleich zur intellektuellen Tätigkeit. Beim Bauen, da sieht man, dass etwas entsteht. Nach jeder Stunde ist etwas da. Während bei der intellektuellen Tätigkeit, die sonst meine Leidenschaft ist, da bleibt alles ...
...unsichtbar...
...ja, und grad weil ich mich für Philosophie interessiere, und Philosophie, das ist ein unendliches Gebiet, da ist man nie am Ende, nicht wie wenn man ein Fachgebiet studiert wie Physik, da hat man immer gewisse Gebiete, die man studiert und ist irgendwie auf der Höhe des Wissens, aber in der Philosophie...
...gibts die Höhe des Wissens nicht...
...das ist unendlich, das ist unbeschränkt und da kann man sich drin verlieren. Und mit jeder Frage, die man beantwortet, tauchen drei neue auf und so weiter. Und als Ausgleich zu dem und auch als Ausgleich zum Sitzen und Lesen und Schreiben ist es dann gut, wenn man den Körper braucht und mit Zement und Backstein arbeitet und ein Resultat sieht, was da entsteht. Und auch das Kreative. Weil ich bin ja nicht auf dem Bau angestellt und muß etwas ausführen, was ein anderer mir sagt, sondern ich kann eben selber sagen, da möchte ich jetzt das Fenster so groß oder da gefallen mir jetzt diese Kacheln und dort das ausprobieren, das ist eine sehr kreative Tätigkeit.

Und sehr befriedigend.
Ja. Auch weil ich es zusammen mit Jeanne machen kann, die auch einen sehr ausgeprägten Sinn für Ästhetik hat als Fotografin und für den Innenausbau und für die Dekoration, das ergänzt sich sehr gut, und da können wir gut etwas zusammen machen.

War die Philosophie immer deine Leidenschaft?
Ja, als Gymnasiast habe ich schon Philosophiebücher gelesen. Nietzsche und C.G. Jung, und später ist das etwas in den Hintergrund gerückt, wie ich Familie hatte und angestellt war in der Forschung, da hatte ich dann keine Zeit und Energie mehr. Und als ich hier herunterkam, 1990, hatte ich dann wieder freie Kapazität, und das habe ich sehr  genossen. In den letzten 17 Jahren, seit ich hier wohne, habe ich mich praktisch halbtags der Philosophie gewidmet und halbtags allen anderen Tätigkeiten, auch um Geld zu verdienen.

 

Womit hast du Geld verdient?
Ich hab noch den Kontakt behalten mit der Firma in Zürich, für die ich 13 Jahre lang Forschung gemacht habe für Reduktion von Autolärm. Und diese Firma macht alle zwei Jahre eine internationale Konferenz und da hatte es sich eingebürgert, dass ich für jede dieser Konferenzen einen Videofilm herstelle, in dem ich irgendeinen Aspekt der Autolärmbekämpfung auf eine Art darstelle, dass ein  breites Publikum versteht, worum es geht. Ich habe zwischen 1984, als  ich von Zürich nach Biel ging, bis 2000 alle  zwei Jahre einen Film gemacht. Dann hat sich das erschöpft. Nach dem zehnten Film habe ich gesagt: jetzt habe ich alles dargestellt in den Filmen, jetzt müssen wir aufhören. Diese Filme wurden gut bezahlt, und gleichzeitig  konnte ich einen Großteil hier machen, weil mindestens die Hälfte dieser Filme jeweils aus Tricksequenzen besteht, um komplizierte Dinge grafisch darzustellen, und diese Tricksequenzen kann ich hier mit dem Cumputer herstellen. Und dann mußte ich natürlich in ganz Europa rumfahren, um zu drehen, dort wo die Labors sind, das ist ein europäischer Konzern. Das war auch abwechslungsreich, da in Deutschland und Italien und Frankreich rumzureisen und in den Labors die neuen Methoden zu  filmen.

 

Für mich hört sich das  wie ein ganz spannendes abwechsungsreiches Leben an.
Ja, das stimmt. Ich hab mir das sehr abwechsungsreich und vielseitig einrichten können. Und ich merke auch, dass mir das sehr viel gibt, dass ich nicht auf irgendetwas fixiert bin und jahrelang von morgens bis abends dasselbe mache, sondern eben wechseln kann zwischen Videofilm und Philosophie und Häuser umbauen und Postkarten und Bücher für Jeanne verkaufen und dafür dann wieder die Expositoren herstellen und die Abrechnungen machen. Da liegt mir viel dran an dieser Vielfalt.

Also was ich mitkriege ist, dass du einen absolut zufriedenen Eindruck machst.
Jaja... und ich denke es ist auch etwas, was dir hilft wenn du hier wohnen willst das ganze Jahr. Weil, wenn ich jetzt als Schweizer hierher komme und eine Anstellung als Physiker gesucht hätte, ich glaube, das wäre nicht gegangen. Wie ich das jetzt sehe, wenn man als Ausländer herkommt, dann ist das nicht allzuleicht hier seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und dadurch, dass ich flexibel manövriert habe, mit noch Kontakten mit der Schweiz, und dann hier mit dem kleinen Postkartengeschäft und mit dem Häuser umbauen, die kann man dann zum Teil wieder vermieten, dann kommt auch wieder etwas rein. Wenn man da und da und da etwas hat, dann kann man davon leben. Viel besser als wenn man da auf einen Beruf fixiert ist und unbedingt da eine Anstellung braucht.

Bringt dir deine Philosophie auch Geld ein?
Nee. Die bringt mir nichts. Ein Mal oder zwei Mal habe ich einen Philosophiekurs hier organisiert, einen ganzwöchigen, und da haben die Leute ein bißchen was gezahlt. Da sind mir vielleicht ein paar hundert Euro übrig geblieben. Das ist in 17 Jahren Philosophie das einzige Einkommen, was ich je hatte, sonst kostet das eher. Die Bücher, die ich kaufe, aber die Hälfte der Bücher kommen aus der Bibliothek. Die geistigen Abenteuer, die man macht... anstatt dass man rumreist und nach Afrika geht, geht man in Gedanken in gewisse ... was ich suche sind die Grenzen des Denkens. Ich hab ja in Physik die Erfahrung gemacht, dass man allerlei verstehen kann mit der Physik als Basis, die ganze Technologie basiert auf der Physik etc. und das ist alles schön logisches Denken und irgendwann mal fragst du dich: ja und das, was in der Physik nicht abgedeckt wird, wie ist das mit dem, kann man das auch so denkerisch durchleuchten und analysieren und rational erfassen? Und wie weit kommt man da? Das ist das Abenteuer.

Hast du zwischendurch Antworten?
Sagen wir, ich denke, ich spüre diese Grenzen ein bißchen besser. Ich glaube, man kann diese Grenzen nicht so sauber definieren. Weil, um die Grenze sauber definieren zu können, müßte man das, was innerhalb, und das, was außerhalb ist, beschreiben, dann kann man die Grenze definieren. Aber das, was außerhalb des durch Denken Erfassbaren ist, kann man ja nicht beschreiben. Diese Grenze muß irgendwie diffus und intuitiv bleiben. Aber ja, ich bin natürlich immer noch am Suchen und es gibt immer noch Gebiete...
...ich hätte jetzt ganz gern eine Zwischenantwort gehabt...
...wie  meinst du eine Zwischenantwort?
Meine Idee war, ob du zwischendurch Antworten hast, ob du Phasen hast, wo du denkst: oh, ja, das ist es.
Jaja, doch doch. Es gibt Dinge mit denen ich  mich früher intensiv befasst habe, die für mich jetzt geklärt sind. Das schon.
Da muß ich nicht mehr groß darauf zurückkommen. Zum Beispiel das Problem mit der Wahrheit. Was ist Wahrheit?

Sag bloß, du hast das Problem mit der Wahrheit geklärt?
Ja, das habe ich geklärt.

Komm, raus damit!
Also das Problem habe ich insofern geklärt, dass ich sage, die Wahrheit im üblichen Sinn gibt es nicht. Die Wahrheit ist für mich heute das, was ich nicht bezweifle, heute. Und mit diesem Satz habe ich schon drei wesentliche Einschränkungen gemacht, die im traditionellen Wahrheitsbegriff nicht enthalten sind. Ich habe zuerst gesagt  „ich", das heißt Wahrheit ist etwas Subjektives, ich habe meine Wahrheit, du hast deine und jeder hat eine andere Wahrheit und die können sich widersprechen. Zweitens habe ich gesagt, ich bezweifle das „heute" nicht,  vielleicht bezweifle ich es morgen, also habe ich morgen eine andere Wahrheit als heute. Das entspricht auch nicht dem traditionellen Wahrheitsbegriff. Ein Satz ist entweder wahr für immer oder falsch für immer. Und für mich ist die Wahrheit etwas, das sich entwickelt. Und etwas drittes, das war nicht richtig in diesem Satz drin, aber für mich ist Wahrheit auch ein gradueller Begriff. Das heißt, es gibt für mich Dinge, die wahr sind in dem Sinn, dass es wie das Fundament meiner ganzen Lebenshaltung ist, und an denen halte ich sehr fest und da braucht es sehr viel, damit ich die revidiere. Und da gibt es viele andere Wahrheiten, die sind viel weniger zentral, die könnte ich viel schneller fallen lassen. Der Übergang ist da für mich fließend vom Fundament bis zu irgendwelchen Sachen, die offen sind.

 

Wenn ich dich richtig verstehe, ist das Fundament an Wahrheit bei jedem unterschiedlich. Wie kann ich denn mein persönliches Wahrheitsfundament herausfinden, weil ich könnte es jetzt im Moment nicht sagen.
Du könntest es nicht sagen, nein....
...muß ich es überhaupt wissen?...
...also wenn du Philosophie machst, versuchst du das so bewußt zu machen, dass du es ausformulieren kannst, aber das ist schon eine philosophische Anstrengung. Sonst merkst du es instinktiv. Wenn jemand etwas sagt und es geht völlig gegen deine Überzeugung, dann spürst du sofort, also da muß ich mich gar nicht weiter mit befassen, denn das geht für mich sowieso nicht.

Geht es auch um Werte?
Ah, das ist sehr stark gewertet alles, jaja.  Und ist auch sehr stark von Interessen beeinflußt. Welches Interesse habe ich, sagen wir zum Beispiel, wenn ich ein starkes Harmoniebedürfnis habe, dann muß alles schön zusammenpassen und was nicht reinpasst, wird sofort ignoriert. Und wenn das Bedürfnis weniger groß ist, kann ich zulassen, dass es da noch allerlei gibt, was  dem widerspricht und ich bin offen für Widersprüche.

Da kommt ja viel Psychologie mit rein.
Jaja.

Das fand ich jetzt einen schönen Ausflug in dein philosophisches Gebiet... am liebsten würde ich da ja jetzt weitermachen, aber der Focus in unserem Gespräch ist ja das Wohnen und Leben im Cabo de Gata... ich würde gern nochmal zurückkommen darauf, dass ich ja von dir weiß, dass du in den letzten Jahren im Rahmen von Entwicklungshilfe unterwegs warst.
Das hat sich eigentlich zufällig ergeben, indem ich mal in der Zeitung gelesen habe, dass es das "Senior Expert Corps" gibt. Das ist eine Organisation, die es zuerst in England gab, bei der sich pensionierte Fachleute melden können und sich anbieten, ihr Fachwissen für  Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen. Und da gibt es in der Schweiz einen Ableger und darüber habe ich in der Zeitung gelesen und habe gedacht, ach das tönt interessant, da melde ich mich mal. Ich war zwar nicht offiziell pensioniert, das bin ich heute noch nicht, aber das hat mich nicht groß gestört. Ich habe denen gesagt, ich habe so weit Kapazität, und ich kann meine Zeit einrichten. Das sind Einsätze, die ein bis drei Monate dauern. Sie sind unbezahlt in dem Sinn, dass man kein Salär kriegt, aber die Reisekosten sind bezahlt, die Unterkunft und aller Transport, also man hat keine  Auslagen und kriegt sogar noch ein Taschengeld. Und da habe ich mich eingeschrieben und gesagt, was meine Fähigkeiten sind, wo ich allenfalls dienen könnte, und das ist eben einerseits, dass ich früher Physik, Mathematik und Informatik unterrichtet habe und andererseits, dass ich schon viele Videofilme gemacht habe mit didaktischem Inhalt. Das ist in der dritten Welt ja ein Problem, dass viele Leute keine gute Schulbildung haben und deshalb, wenn man ihnen irgendetwas in einem Vortrag zum Beispiel erklärt, sie dem nicht folgen können, weil sie das nicht gewohnt sind. Und mit dem Videofilm hat man ein sehr starkes Kommunikationsmittel in der Hand, mit dem man die Sachen veranschaulichen kann. So dass auch jemand, der mit dem Thema nichts zu tun hat oder keine große Schulbilung hat, versteht, worum es geht.
Und deshalb habe ich das auch angeboten. Das war grad in dem Moment wo ich in Zürich gesagt habe, also nach zehn Filmen ist genug mit Autolärm, gleichzeitig habe ich Lust gehabt, noch weiter Videofilme zu machen und fand das eine gute Gelegenheit. Zuerst habe ich zwei Jahre lang nichts gehört und dann plötzlich kam eine Anfrage aus Pakistan. Die Sache funktioniert so, dass irgendwelche Institutionen oder Leute in den Entwicklungsländern bei Swisscontact, das ist die Organisation in der Schweiz, anfragen und sagen, wir haben das und das  Problem und finden vor Ort keine Lösung, könntet ihr einen  Experten schicken, der uns da hilft. Und dann schaut Swisscontact in ihre Kartothek, die haben etwa 800 Experten, die da eingeschrieben sind, ob sie einen haben, der da das Profil, was gesucht wird, hat und fragen dann an, ob man bereit wäre, den Einsatz zu leisten. Swisscontact vermittelt zwischen den Ratsuchenden in der dritten Welt und den Experten und bezahlt dann auch die Reise. Und da kam eine Anfrage aus Pakistan von einer Schule, die Informatikunterricht einführen wollten. Die hatten Computer erhalten von  industriellen Betrieben...
...gespendet bekommen...
...ja gespendet, und die Lehrer  hatten aber selbst keine Erfahrung mit Computern, und deshalb  mußte ich dort die Lehrer einführen in die Basis der Informatik, sodass die es nachher an die Schüler weitergeben konnten.

Und wie war das ?
Das war eine harte erste Feuerprobe... dieser erste Einsatz war also wirklich recht herausfordernd. Ich war da 7 Wochen, im Sommer. Die hatten da Sommerferien, sodass die Lehrer nicht gleichzeitig unterrichten mußten, sondern sich voll diesem Kurs widmen konnten. Es war 40 Grad im Schatten und recht feucht und zudem mit den Computern, wenn man dann in  einem Raum ein Dutzend Computer einschaltet, dann ist es nochmal so wie eine Heizung und... ja, und dann hat sich herausgestellt, dass diese Computer geschenkt sind... also wenn die in der Industrie neue gekauft haben, dann haben sie die alten an die Schule verschoben, was heißt, dass  ständig irgendeiner defekt war und ich sehen mußte, was bei dem nicht läuft und bei dem nicht läuft... die Computer waren zudem noch alle verschieden... also es war recht herausfordernd. Dann habe ich noch die Ernährung dort nicht gut vertragen und mich dann nur noch von Obst ernährt. Also es war höchst intensiv und sehr sehr interessant. Ich möchte es gar nicht missen. Und ich kann jetzt auch sagen, nachdem ich das in Pakistan überlebt habe, kann ich gut bei anderen Projekten zusagen, denn so hart kommt es wahrscheinlich nicht mehr.

Und deshalb hast du auch nicht gezögert als man dich nach Costa Rica gebeten hat.
Jaja, das war viel gemütlicher und angenehmer. Dort gings dann um einen Videofilm. Swisscontact hat in Costa Rica ein Projekt unterstützt, bei dem es darum geht, bei der Kaffeetrocknung die Abfälle  als Brennstoff zu verwenden. Dass man da so ein Recycling macht, also weniger Bäume fällen muß und die Abfälle der Kaffeebohnen, die sonst als Kompost verwendet wurden, als Brennstoff verwendet. Und darüber mußte ich einen Videofilm machen für eine internationale Konferenz, die dort jedes Jahr stattfindet. Da kommen alle Kaffeeproduzenten der ganzen Welt dort zusammen, und an einem Stand dieser Messe wurde dann dieser Film gezeigt über dieses neue Verfahren, sodass die Kaffeeproduzenten das bestellen konnten und das Verfahren industrialisiert werden kann.

War das erfolgreich?
Jaja, ich habe gehört, dass es Bestellungen gegeben hat. Genau wie viel, das weiß ich nicht, aber  es hat schon Anklang gefunden.

Und dann habe ich gehört, dass du demnächst wieder irgendwohin fährst.
Ja, das konkretisiert sich jetzt. Es ist eine Anfrage von Nepal. Da geht es um eine Lehrerfortbildung. Es scheint, dass dort an der Schule, die angefragt hat, noch ein altmodisches Lehrsystem herrscht, wie das bei uns auch war als ich als Schüler zur Schule ging, dass der Lehrer vor allem an der Wandtafel erklärt, was er weiß, und die Schüler machen Notizen und müssen das nachher auswendig lernen. Das ist heute nicht mehr so zeitgemäß, weil man heute mehr lernen müßte wie man lernt, sodass man dann eben das ganze  Leben lang lernen kann. Heute wird das ja viel gesagt, dass man mit dem ständig neuen Wissen, das aufkommt und mit den Berufswechseln, die heute notwendig sind, weil bestimmte Berufe nicht mehr gebraucht werden und neue auftauchen etcetera, man heute ständig dazu lernen muß, und deshalb soll man in der Schule vor allem lernen, wie man lernt, und nicht irgendeinen Stoff, der nach 5 oder 10 Jahren veraltet ist. Und da soll ich jetzt diese neuen Lernmethoden wie Gruppenunterricht und Werkstattunterricht versuchen zu vermitteln.

Das wird Anfang 2008 sein?
Ja. wahrscheinlich Februar März.

Ich würde dich jetzt gern folgendes fragen... wenn du so durch die Welt reist und dann zurückkommst, mit dem Flugzeug in Almería landest zum Beispiel, oder anders anreist, gibt es was, was dich fühlen läßt, dass du hier zuhause bist?
...ich finde es schwierig da was Konkretes zu nennen... es ist da glaube ich mehr das Gefühl, ja, dass ich hier die Gegend kenne, dass ich Leute kenne... dass ich den Lebensstil kenne...

...vielleicht fühlst du dich garnicht hier zuhause....
...doch, doch,
...oder fühlst du dich in Biel mehr zuhause als hier?
Anders. Da merke ich einfach da kommen die alten  Wurzeln aus der Kindheit. Weil es in der Schweiz ist, erinnert mich das mehr an frühere Zeiten als hier, wo ich erst mit 46 Jahren das erste Mal hinkam. Aber sagen wir, ich bin vielleicht sowieso nicht jemand, der starke  Wurzeln hat oder sich stark national identifiziert. Ich fühle mich als Europäer. Das schon deutlich. Eben grad wenn ich in Pakistan bin, da könnte ich nicht leben, weil die Mentalität dermaßen unserem freiheitlichen Geist zuwider läuft, dass das für mich nicht ginge. Ich identifiziere mich mit Europa, und in Europa bin ich zuhause. Und wenn ich außerhalb von Europa bin, dann bin ich auf Besuch.

Ich würde gern noch eine Abschlußfrage stellen, bin aber gar nicht sicher, ob die jetzt noch passt... ich frag sie trotzdem: hast du jemals bereut hergekommen zu sein zum Leben?
Nee, das ganz sicher nicht. Nee, sonst wäre ich wieder gegangen, ich meine, ich habe hier keine Verpflichtungen, ich kann die Zelte wieder abbrechen und werde das auch eines Tages tun. Ich denke in 10 oder 15 Jahren  bin ich nicht mehr hier. Wenn ich mal 80 bin glaube ich nicht, dass ich hier noch ...da sind  die Umstände doch zu beschwerlich.

Wo glaubst du bist du mit 80?
In der Schweiz. Da sind unsere Kinder und die Enkel, und ich denke eben auch die Lebensführung ist dort weniger aufwändig. Sagen wir, das, was man so braucht als alltägliche Basis, das braucht in der Schweiz für mich weniger Aufwand als hier. Das ist einmal hier mit diesem Haus mit Solarenergie... allerlei technische Dinge, um die ich mich kümmern muß. Aber andererseits mit der  Bürokratie, die hier sehr mühsam und umständlich ist, die viel Zeit und Energie braucht. Das geht alles viel einfacher in der Schweiz. Da kann ich dann mit 80 meine Energie, die mir dann noch bleibt, für Gescheiteres verwenden...

...was glaubst du, was wird es sein... wahrscheinlich Philosophie...
...ja, die wird mir sicher bleiben. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass ich zum Beispiel mit Video eigene Experimente mache... oder sagen wir, was ich auch immer wieder nebendran gemacht habe, auch hier, ist so ..ich möchte das nicht Kunst nennen, aber Dinge, die eigentlich nicht nötig und nützlich sind, die ich einfach aus Spaß mache. Ich habe eine große Skulptur aus Agavenstämmen hinter dem Haus errichtet, die ein bißchen den Wind abhält aber sonst keine Funktion hat, aber es hat mir Spaß gemacht, sie zu machen. Oder ich bin auch  ein großer Bewunderer von Jean Tinguely, der solche Maschinen macht aus Alteisen, die drehen, aber keinen Nutzen haben. Die drehen einfach im Leeren.

Das kannst du dir vorstellen, dass du mit 80...
...ich hab auch schon solche Maschinen gemacht wie der Tinguely, das ist ein Element, das in meinem Leben sporadisch auftaucht. Und vielleicht, wenn die Philosophie sich mal ein bißchen erschöpft, wenn ich mir sage, also ich habe jetzt mehr oder weniger gesehen, was mich interessiert, dass ich dann mehr Tinguely Skulpturen oder Videos mache...

...in jedem Fall muß man sich keine Sorgen machen, dass du dich jemals langweilen wirst...
...das ganz sicher nicht.
Aber ich wollte noch was dazu sagen, wieso ich sehr gern hier lebe. Da ist die Abgeschiedenheit, die mir die Ruhe gibt, mich zu konzentrieren. Ich kann hier besser Philosophie betreiben als in Biel. Da  leben wir in der Mitte der Stadt zwar auch in einem ruhigen Haus, aber einfach die Betriebsamkeit rings herum... hier habe ich viel weniger Ablenkung, und das ist für mich wichtig.
Jetzt ist es Wochen, dass Jeanne in der Schweiz ist und ich hier allein lebe und es mich gar nicht motiviert,  mich mit Leuten zu treffen und ich weiß nicht was. Ich bin hier von morgens bis abends, geh schnell was zum Essen einkaufen, und sonst bin ich für mich, und der Tag ist ausgefüllt.
Und etwas anderes ist die interessante Begegnung mit den alten Leuten hier, vor allem zu der Zeit als ich hergekommen bin. Die Alten in Las Presillas und Romualda, das waren ganz wichtige Begegnungen mit Leuten, die ich in der Schweiz nie getroffen hätte. Wie die dann vom Bürgerkrieg erzählt haben und von ihrem kargen Leben. Das hat mir einen Horizont geöffnet und neue Perspektiven... für mich aus der wohlbehüteten Schweiz ...Romualda, die spazieren geht, und abends, wenn die Sonne untergeht, legt sie sich unter einen Busch... solche Dinge, das ist recht eindrücklich. Und es ist vielleicht kein Zufall, dass solche Leute hier sind. Auch die Vielfalt der Leute, die hier sind. Es gibt Einheimische und dann gibt es zugewanderte Deutsche, Schweizer, Franzosen und Engländer und Nordspanier und Madrileños, ein buntes Gemisch. Und alle suchen sich einen etwas unkonventionellen Weg, weil konventionell kann man hier gar nicht leben. Und  dieses Konglomerat von unkonventionellen Lebensläufen und Leuten, die etwas anderes machen als der Durchschnitt, das finde ich sehr reizvoll im Cabo de Gata.