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Marion Ulrich

Gespräch am 2. August 2007, nachmittags in Las Casillas.

Erinnerst du dich, wann du zum ersten Mal hergekommen bist?
Ja, also genau genommen gibt es zwei Momente wo ich zum ersten Mal hergekommen bin. Einmal bin ich unwissentlich hier ganz am Rande des Cabo de Gata gewesen ohne es zu kennen. Ich war auf der Druchreise mit dem Bus in dem Ort Cabo de Gata gewesen, hatte aber keine Ahnung von dem Naturpark, der damals auch, glaube ich, erst im Entstehen war.

Wann war das?
Das war 1989.

Es war 87 als die Landschaft hier zum Naturpark erklärt wurde. Aber in den ersten Jahren hat man sozusagen noch nichts davon gemerkt, es war eher auf dem Papier.
Und dann hat mich zwei Jahre später ein spanischer Freund, der auch mal das Cabo de Gata kennen lernen wollte, mit hierher genommen. Da war ich dann das erste Mal wirklich hier. Aber auch nur ein paar Tage.

Wo warst du damals?
Wir sind in Las Negras gewesen, sind aber auch in Los Escullos rumgelaufen. Da erinnere ich mich deutlich an diese Steinformationen. Aber ich habe damals noch nicht diese sehr beeindruckenden Strände hinter San José kennen gelernt. Das war dann erst auf der nächsten Reise, ein paar Jahre später.

Bist du denn immer mit dem Wohnbus gekommen?
Nein, das zweite Mal war ein Camping Urlaub, wo wir interessante Orte gesehen und Wanderungen gemacht haben. Und dann war ich lange nicht hier, bis mich ein nächster Zufall hier so richtig reingeworfen hat.

Wann war dieser Zufall?
Das war vor vier Jahren, 2003, als ich in Deutschland auf der Suche nach einer Auszeit war. Drei Monate, so ungefähr, woanders leben und arbeiten, also kein Urlaub, das war nicht vorstellbar, sondern etwas finden, wo ich drei Monate an einem schönen Ort leben kann und das machen kann, was ich auch kann. Ich komm ja aus dem Handwerk.

Was machst du? Was ist dein Beruf?
Ich habe keinen Handwerksberuf gelernt, aber ich habe in Freiburg über zehn Jahre in einem selbstverwalteten Baukollektiv gearbeitet. Und da war es möglich in einer „Baulücke“, die entstanden war, mal drei Monate wegzugehen und was anderes zu machen. Und dass mich der Zufall dann direkt hierher verschlagen hat, das finde ich nach wie vor irre.

Magst du diesen Zufall erzählen?
Ja, ich erzähl ihn eigentlich immer wieder gern. Bei dem Baukollektiv in Freiburg tauchte eine Horde wandernder Zimmerleute auf, Leute auf der Walz. Die sind organisiert und nennen sich Axt und Kelle. Sie organisieren gerne zweimal im Jahr für sich große Baustellen und so eine Art Camp oder Treffen und suchen sich dafür gerne Projekte aus, die sie unterstützen wollen. Und das taten sie bei uns in Freiburg, in unserem großen alten Fabrikprojekt. Ein alte Fabrik, die umgebaut wurde zu Zentren und Wohnraum.

Hat das Projekt einen Namen?
Grether Fabrik. Grether ist der Name von dem früheren Eigentümer, der dort eine Gießerei betrieben hat. Die Fabrik besteht aus vielen verschiedenen Gebäuden, und das ganze Anwesen ist in den achtziger Jahren Stück für Stück in die Hand von Alternativen geraten, die bessere Ideen hatten als das Ganze für den Abriß frei zu geben, was die Stadt am liebsten gemacht hätte. So wurden Pläne verwirklicht, die damals in die Zeit von Wohnungsnot und auch Häuserkampf gepasst hatten. Ich bin allerdings erst in den Neunzigern dazu gestoßen.
2003 tauchte dann diese Axt und Kelle Gruppe auf, und ich habe nur einfach mal einem von den reisenden Zimmermännern erzählt, och Mensch, ich möchte auch mal so gern drei Monate woanders in einem Projekt sein, am liebsten auch im Ausland. Da meint der: du, ich hab da eine Adresse in Spanien, ich weiß garnicht wo das ist, ich hab die Frau nur im Hamburg getroffen, das ist eine Deutsche, die da unten so ein Projekt macht, ich geb dir mal die Adresse. Und das war Claudia, die Adresse war vom Cortijo El Saltador in Lucainena. Claudia baute damals und suchte immer Leute, die Lust hatten, da mitzumachen.

Du riefst also Claudia an....
Wir hatten Kontakt per E-Mail, und das hat wie die Faust aufs Auge gepasst von beiden Seiten, was gerade auf der Baustelle anstand, was ich kann, worauf ich Lust hatte. Ich hatte ihr geschrieben, ich komme mehr aus dem Mauerarbeiten, Verputzarbeiten, Fliesenarbeiten, aber mach auch gern alles mögliche. Und dann meinte sie: ja wenn du kommst, dann sind wahrscheinlich grad der Innenputz dran, die Fliesen, und dann hat es auch gut gepasst als ich erzählte, ich komme nach einer Klettertour in Nordspanien runter, und dann meinte sie, ach das trifft sich ja auch, weil bei mir ist die halbe Baustelle jedes Wochenende am Klettern.

Wo haben die geklettert?
Mittlerweile kann man in Lucainena klettern, weil dort ein kleines aber wachsendes Klettergebiet eingerichtet ist. Oder man fährt nach Almeria, in eine Rambla hinter Almeria...

...um welches Klettern geht es, um Steilwandklettern?
Ja, um Felsklettern oder auch Sportklettern, wie man sagt. Und diese drei Monate, die waren Schicksal für mich, ich kann es garnicht anders sagen.

Lucainena liegt ja nicht im Naturpark, aber ich kannte ja den Naturpark und es war mir klar, das ist für mich genial, so lange hier sein zu können, und kaum war ich hier, habe ich auch gemerkt, ich komme hier wieder hin, hier ist was, ich suche hier was, und ich werde auch hier etwas finden. Ich hatte das ganz klar im Gefühl damals. Obwohl ich da ja noch nicht entschieden hatte, dass ich später mal nach Spanien gehen werde.

Du hast deine drei Monate in Lucainena gemacht und bist auch brav wieder zurückgegangen?
Ja. Ich habe mein Projekt zu Ende gemacht, wie es natürlicherweise zu Ende ging und habe in der Zwischenzeit natürlich hier den Kontakt gehalten. Ich hatte ja in den drei Monaten hier schon viele Leute kennen gelernt, hatte viel mitbekommen, was im Naturpark passiert, die Zeitschrift El Eco del Parque gelesen und gedacht, diese Leute, diese ganze Sache, das interessiert mich.

Wie ist es mit spanisch, wann hast du spanisch gelernt?
Spanisch hatte ich schon zu dieser allerersten Reise gelernt, wo ich den Naturpark nur gestreift habe. Das war eine lange Reise gewesen, und da habe ich schon etwas spanisch gesprochen. Ich kam also mit ganz guten Voraussetzungen hier an.
Knapp zwei Jahren nachdem ich die drei Monate hier gewesen war, ergab es sich, dass ich hier wirklich eine Einstiegsmöglichkeit bekam, als ich das Cortijo von Claudia hüten konnte, weil sie eine Reise machte. In der Zeit konnte ich anfangen, wirklich hier zu sein und die Fühler auszustrecken und sich alles entwickeln zu lassen, was sich nun auch immer entwickeln wollte.

Was hat sich denn entwickelt? Wo bist du denn jetzt?
Ich bin jetzt an dem Punkt, dass ich mir eigentlich gerne einen festen Ort, am liebsten innerhalb des Naturparks finden würde, der meine Ausgangsbasis darstellt für das, was ich hier gerne anbieten möchte, nämlich die Tadelakt-Arbeit. Ich stelle mir im kleineren Idealfall eine kleine Werkstatt vor, oder in einem größeren Idealfall stelle ich mir ein Häuschen vor, dass ich selbst mit Tadelakt verkleide.

Außen auch?
Das müßte ich noch überlegen, ob außen auch.

Kann man Tadelakt überhaupt außen machen?
Das kommt auf die klimatischen Bedingungen an. In Marokko wird es gemacht, in Deutschland rät man davon ab, und hier kann man es wagen.

Es hat wahrscheinlich mit Feuchtigkeit zu tun, oder?
Ja, schon.

Nochmal zurück zu deiner Idealvorstellung... ich seh es ja schon vor mir... ein Häuschen wo du wohnst und wo du arbeitest... und das im Naturpark.
Genau. Ich geh davon aus, dass es hier einen großen Personenkreis gibt, der an meiner Arbeit interessiert sein könnte.

Wo könnte ich denn, wenn ich jetzt ein Haus habe, sagen, da hätte ich gern eine Tadelaktarbeit. Mir fällt immer als erstes das Badezimmer ein.
Das Badezimmer ist eine gute Möglichkeit, weil Tadelakt ja eine wasserabweisende Oberfläche abgibt. Aber es eignet sich jede Wand, weil dieses Material, der Kalk an sich, ein sehr gutes Material für Wände ist, raumklimatisch gesehen...

…also wenn ich jetzte hier eine Zwischenwand einziehen will, dann kann ich dich anrufen...
…ja, dann müssen wir über die Untergründe reden und die vorbereitenden Arbeiten...

...also die Wand wird ja in jedem Fall mit Steinen gemauert...würdest du auch mauern?
Ich würde auch die Wand mauern.
Und weil du fragtest, was ich mir für mich so vorstelle... das ist ein Häuschen mit vielen Tadelaktwänden in vielen verschiedenen Farben und auch Nischen... weil ich im Prinzip auch weg von dem Bild will, dass das Material hauptsächlich für Bäder ist. Ich habe in Marokko so viele Wände gesehen ... auch in Marokko ist Tadelakt was edles und nichts, was man in jedem Haus antrifft... ich habe da aber Häuser gesehen, die von oben bis unten Tadelaktwände hatten, und dieser Eindruck ist fantastisch, weil sie so komplett natürlich aussehen, warm und wie Stein aber nicht wie kalter Stein.

Nein es ist warm und weich, obwohl es ja hart ist...und man will es immer anfassen...
Genau... und das Häuschen wäre dann auch sowas wie ein Showroom, um zu zeigen, was man so alles machen kann.

Wie sieht es denn aus mit deinem Häuschen...suchst du?...Im Moment wohnst du doch in deinem Bus...oder?
Ich wohne im Moment immer gerne da, wo ich was zu tun hab. Wenn ich eine Baustelle habe und Tadelakt an einem Ort machen muß, wo ich nicht wohne, und wenn es möglich ist, da mit meinem Bus zu stehen, dann mach ich das gerne. Wenn sich andere Gelegenheiten ergeben, dass ich woanders wohne, ist das auch gut, ich bin jetzt nicht auf Busleben fixiert.

Was ich raushöre ist, du bist entschieden, hier zu bleiben.
Ja. Aber viele Leute sagen, wenn ich so erzähle, was ich mir vorstelle und suche, och, such doch außerhalb der Naturparkgrenzen, denn die Preise hier sind ja sehr hoch. Aber ich denke, vielleicht hat man ja Glück...

Ich wollte dich gerne noch fragen, kannst du versuchen zu beschreiben, was dich hier so fasziniert?
Auf jeden Fall ein Zusammenspiel von dem, wie die Natur auf mich wirkt, das Landschaftliche, und die Amosphäre, die ich hier wahrnehme, die mit Menschen zu tun hat. Ich kann nicht nur sagen, ah diese Landschaft fasziniert mich so, dass sie für mich allein ausschlaggebend ist. Da gehört schon mit rein, wahrnehmen wer bewegt sich hier, wer lebt hier, was gibts hier für Netzwerke, einfach die Menschen...

Wenn du sagst die Menschen, sind das überwiegend Deutsche oder Ausländer oder ist das ein Gemisch aus allem?
Also ich bin Deutsche und lerne sicher hier schneller auch Deutsche kennen, sehr nette deutsche Leute. Gleichzeitig habe ich ganz starkes Interesse, Spanier kennen zu lernen, und was mein Sprachvermögen angeht, bin ich an einem Punkt, wo es voran geht und es mir einfacher fällt mit irgendwem in spanisch ins Gespräch zu kommen über irgendwas. Und daran merke ich gleichzeitig so eine Offenheit Leuten gegenüber, denen ich begegne.

Würdest du sagen du bist im Moment wirklich am richtigen Platz?
Ja.

Deine Visionen oder Wünsche für die Zukunft, abgesehen vom Haus?
Seit geraumer Zeit bin ich im Umbruch und in der Entwicklung. Ich genieße das Gefühl, daß Sachen passieren… aus dem Einen ergibt sich das Nächste. Du lernst jemanden kennen aus einem Zufall, und daraus ergibt sich was, wo du denkst: Wow! wenn ich den nicht kennen gerlent hätte, hätte sich das nicht ergeben.

so läuft es gerade bei dir...
… ja... und es ist genau das, was mir, seit ich den Naturpark kenne, hier immer wieder passiert und mich hier begleitet.

 

Link zu Marions Internetseite: www.tadelakt-art.eu
Link zu Claudias Cortijo El Saltador: www.elsaltador.com