|
|
| |
|
|
| |
|
|
|
|
Kannst
Du Dich erinnern, wann Du zum ersten Mal hergekommen
bist?
Das war 1985 mit meinem damaligen Freund Manfred.
Wir kannten uns etwas mehr als ein Jahr. Manfred
war zwei Jahre vorher schon mal hier gewesen, mit
der Idee zu überwintern. Er ist damals die
ganze Küste entlang gefahren bis nach Cadiz
und dann wieder zurück nach Rodalquilar, weil
es dort am schönsten war. Er hatte dann einen
Autounfall und musste zurück nach Deutschland.
Aber die Gegend war ihm im Gedächtnis geblieben.
Er hat mir davon erzählt, und wir sind dann
gemeinsam hierher gefahren. Ich war auch von Anfang
an begeistert. |
|
 |
|
|
|
|
Und Ihr seid direkt nach Rodalquilar gekommen?
Ja, weil Manfred sich schon auskannte. Wir haben
was gemietet, ganz einfach. Das
war 1985, noch eine andere Zeit. Ohne Telefon.
Nur oben in der Mine eins und später eins
im Barecillo. Eine richtig gute Zeit.
Seid Ihr lange geblieben als Ihr das erste
Mal zusammen hier ward?
Drei oder vier Wochen Urlaub, ganz normal. Und
dann sind wir fast jedes Jahr wieder hierher gekommen.
Einmal waren wir zwei Monate in Australien und
in Ungarn und Italien, weil Manfred dort Verwandtschaft
hat, aber ansonsten haben wir immer hier Urlaub
gemacht. Wir haben die Leute im Dorf kennen gelernt,
auch die Deutschen, die hier lebten, konnten in
deren Häusern wohnen, waren befreundet. Viele
von denen kommen heute gar nicht mehr. Andere
sind getrennt. Na ja, Manfred und ich
sind ja auch getrennt.
Machen wir mal langsam. Vorhin hast Du erwähnt,
dass es noch kein Telefon gab als Ihr das erste
Mal hier ward. An was kannst Du Dich noch erinnern,
wie war das damals?
Die Straße war nicht asphaltiert. Dieser
ganze Komplex mit Plaza und Pizzeria und Restaurant
und Apartments, da stand gar nichts, nur Ruinen.
Auf dem Platz davor wurde Petanca gespielt. Rodalquilar
war ein kleines Straßendorf mit Häuschen
wie an einer Schnur. Alles eingeschossig, außer
der Bar. Weil dort das Telefon stand und die Familie
erreichbar sein musste, wohnten sie über
der Bar. |
|
|
|
 |
 |
|
|
|
|
Und was war für Dich so reizvoll?
Die Gegend auf jeden Fall. Die Landschaft. Die
Weite. Das Licht und der Himmel. Das ruhige Leben.
Das normale Dorfleben und die Menschen auch. Es
war immer ein unheimlich herzlicher Empfang, wenn
wir kamen. Die Besitzer kamen hinterm Tresen hervor
und begrüßten uns. Das macht heute
keiner mehr. Es gab noch nicht viele Fremde. Heute
kommen so viele, die kann man nicht mehr alle
auseinander halten. Es war damals sehr familiär.
Wann änderte sich denn was an eurem Urlaubs-Rhythmus?
Ich habe 1989 das Haus hier gekauft. Noch mit
Manfred zusammen. Und dann haben wir umgebaut
und renoviert. Da sind wir auch mal zwei Monate
hier gewesen. Manfred war auch eine Zeit allein
hier und hat gebaut, weil er ja freiberuflich
war und ich angestellt, ich hatte nicht so viel
Urlaub. Diese zwei Monate zum Beispiel habe ich
unbezahlten Urlaub genommen.
Als dann unsere Beziehung nicht mehr so gut lief,
habe ich gesagt: ich nehme mir mal ein halbes
Jahr Auszeit und fahre allein in mein Haus nach
Rodalquilar. Ich wußte ich werde nicht ganz
allein sein, ich treffe bestimmt ein paar Bekannte.
Und José kannte ich ja auch schon. Manfred
und ich waren schon mit ihm befreundet. Er hatte
Manfred damals nach seinem Autounfall geholfen.
José konnte deutsch und hat viel vermittelt.
Er war mit 18 Jahren nach Deutschland gegangen,
einer der ersten Gastarbeiter, und mit 30 wieder
zurückgekommen. |
|
|
|
|
Er spricht ja erstaunlich gut deutsch.
Ja, auch weil ich immer mit ihm deutsch spreche
und ihm alles mögliche erkläre.
Er löst sogar deutsche Kreuzworträtsel.
Aber es ist ganz schwer für mich mit ihm
spanisch zu sprechen. Auch wenn ich noch so deutlich
und richtig spreche, er fragt
immer nach. Für mich ist es ein großer
Frust, dass ich die Sprache immer noch nicht gut
kann.
Gehen wir mal wieder zurück: Du hast
Dir damals eine Auszeit in der Beziehung
zu Manfred genommen.
Ja. Und im Job habe ich gekündigt.
Wie alt warst Du da?
Einundvierzig.
Und als Du dann hier warst?
Geplant war ein halbes Jahr. José und ich
sind uns dann näher gekommen, ziemlich
schnell und ziemlich heftig und sehr schön.
Und dann habe ich erstmal gar nicht mehr viel
an Manfred gedacht. Bis er irgendwann anrief und
sagte er kommt. Das war mir natürlich nicht
so recht. Ja und als Manfred dann kam, dann wars
.... Trennungen sind ja nie so schön. Zuerst
war es sehr schwierig zwischen uns, aber
mittlerweile sind wir wieder sehr gut befreundet.
Er hat eine ganz nette Partnerin und kommt wieder
regelmäßig her. Es war mir sehr wichtig,
dass ihm Rodalquilar nicht verloren geht, schließlich
hat er mich hierher gebracht. |
|
|
|
 |
 |
|
|
|
|
Und Du lebst von Anfang an mit José
zusammen?
Anfangs hat er noch bei seinen Eltern gewohnt,
José kommt ja aus Rodalquilar. Aber mit
der Zeit, wir haben das nicht besonders geplant,
ist Zusammenleben draus geworden.
Und für Dich war dann auch klar, dass
Du ganz hier wohnen wirst?
Ja, dann habe ich entschieden ich bleibe. Ich
hatte in Deutschland noch eine Wohnung, in der
ich mit Manfred zusammen gelebt habe, und er blieb
auch noch eine Weile darin wohnen. Als er dann
die Wohnung nicht mehr wollte, bin ich nach Berlin
gefahren und habe sie mit Hilfe einer Freundin
aufgelöst. Wenn ich jetzt nach Berlin fahre,
wohne ich immer bei Freunden.
Das war meine nächste Frage: Wie hältst
Du den Kontakt mit Berlin?
Den habe ich von Anfang an gehalten. Von den Freundschaften
die ich hatte, ist kaum eine weggebrochen. Ich
pflege meine Freundschaften, weil sie mir ganz
wichtig sind und ich sie mir hier so nicht aufbauen
kann
intime Freundinnen und Freunde, gleiche
Kultur und Sozialisation, wenn man etwas erzählt
und jeder weiß sofort worum es geht.
Kommen Deine Freunde Dich besuchen?
Manche kommen mich besuchen. Ich habe zwei beste
Freundinnen. Die eine kam sofort und dann jedes
Jahr im September mit ihrem Mann.
Die andere hat sehr lange gebraucht und kommt
nicht so regelmäßig, ich habe sie aber
genauso gerne. Meine Familie, Mutter, Bruder,
Schwägerin, zwei Nichten, ein Neffe, kommt
mich auch oft besuchen.
Wie oft fährst du nach Deutschland?
Ein bis zwei Mal im Jahr, ein bis zwei Monate.
Die Familie wohnt in Gevelsberg, zwischen Wuppertal
und Hagen. Die besuche ich, aber nie so lange,
die restliche Zeit verbringe ich in Berlin.
Und wie ging das mit dem Laden los?
Nachdem ich dann wusste ich bleibe, habe ich mich
ungefähr ein Jahr einfach nur eingelebt.
Ein bisschen am Haus gearbeitet, alles schön
gemacht, Blumen gepflanzt, ein Zimmer aufbauen
lassen, ein paar Möbel aus Deutschland geholt,
die Kommode, den Stuhl von Oma und das Bett. Danach
wollte ich wieder eine Aufgabe haben. Ich wollte
eine Struktur in meinen Tagesablauf bringen.
Da ist mir der Weinladen in Berlin eingefallen.
Immer am ersten Samstag im Monat haben wir uns
dort getroffen, Freunde die auch einen Bezug zu
Rodalquilar haben. Wir haben spanischen Wein getrunken
und eine schöne Zeit verbracht. Una fiesta
del medio dia. Meistens habe ich das organisiert.
Und an diesen Weinladen habe ich mich erinnert
und hab gedacht, so ein kleiner Weinladen, das
wäre schon schön. Das könnte ich
in dem kleinen Zimmer da unten machen, es ist
nicht so viel Arbeit, kein acht Stunden-Tag, denn
das wollte ich auf keinen Fall. Ja und dann habe
ich angefangen das aufzubauen. Habe den Raum umbauen
lassen, habe viele Bücher über Wein
gelesen, ich hatte ja keine Ahnung.
José hat mir dabei sehr geholfen. Er hat
Freunde, die eine Bar oder ein Restaurant haben,
mit denen sind wir zu den Großhändlern
gefahren. Ich habe Wein probiert und ausgesucht,
und so ist das langsam gewachsen. Jetzt ist der
Laden zehn Jahre alt. |
|
|
|
|
Und Du hast jeden Tag auf?
Ja, von 17 bis 22 Uhr. Sonntags ist es nicht ganz
sicher, manchmal machen wir einen Ausflug. Ich
stehe ja nicht in dem Laden, ich bin im Haus und
kann kochen, lesen, fernsehen oder Blumen gießen
und wenn jemand kommt, gehe ich hin. Der Laden
ist übrigens klimatisiert auf 18 Grad.
Ich merke Du bist immer noch begeistert?
Ja, für mich ist das Konzept total stimmig.
Es kommen immer wieder neue Leute, ich
bekomme alles mit, und manchmal ergeben sich nette
Runden in meinem Patio.
Ich kann nicht ganz davon leben, da müsste
ich mich sehr einschränken, aber da ich geerbt
habe, muss ich mir finanziell kein Sorgen machen.
Wie machst Du Deine Einkäufe?
Mittlerweile alles über den Großhandel.
Die kommen vorbei, fragen was ich brauche und
bringen mir dann die Ware. Wein, Olivenöl,
Marmelade; für den Honig fahren wir in die
Alpujarras. Früher sind wir noch viel mit
dem Auto rumgefahren, Bodegas besuchen, ich bin
aber ein viel zu kleiner Kunde, die schicken den
Wein palettenweise an die Großhändler
und die verteilen dann. So habe ich mindestens
fünf oder sechs Großhändler, bei
denen ich Weine aussuche. |
|
|
|
|
 |
 |
|
|
|
|
Und was ich jetzt noch fragen wollte. Hier
hat sich ja alles wahnsinnig verändert
.
.ich lebe ja einerseits davon, und... man
kann ja nichts daran ändern, die Zeit geht
weiter. Ich finde wir haben noch Glück, weil
Rodalquilar das Zentrum vom Naturpark ist. Es
wird zwar viel gebaut, aber nicht so verbaut wie
in anderen Dörfern. Ich hoffe, der Boom hört
nicht erst dann auf, wenn alles zerstört
ist und die Touristen-Karawane weiter zieht. Rodalquilar
gefällt mir von der Weite des Tals immer
noch sehr gut, und ich bin froh, dass ich hier
gelandet bin. Zufällig.
Kannst Du Dir vorstellen, hier bis ans Ende
Deiner Tage zu bleiben?
Das weiß ich noch nicht so genau. Ich kann
es mir vorstellen, weil ich, wenn mir etwas gefällt,
sehr treu bin. Ob ich allerdings das ganze Jahr
über hier bleibe, das glaube ich nicht. Die
Winter sind mir jetzt schon zu lang. Da guckt
man die Straße rauf und runter, wie leer
gefegt. Die Bars machen nur noch unregelmäßig
auf, und so viel Zeit für mich brauche ich
auch wieder nicht. Dann fahre ich nach Berlin.
In den letzten zwei Jahren habe ich ehrenamtlich
für die Berliner Tafel (Umverteilung von
Lebensmitteln für Bedürftige) gearbeitet.
Das möchte ich ausbauen, weil ich gerne im
Team arbeite. Das fehlt mir hier. Langfristig
gucke ich schon nach einer Wohnung in Berlin,
in der ich dann mit Mehreren wohnen könnte,
eine Art Alters-WG, aber das hat noch Zeit. Ich
möchte pendeln. Nicht das eine gegen das
andere austauschen. Ist doch ideal.
Hast Du jemals bereut, hergekommen zu sein.
Nein. |
|
|
|
|
|
|
|
|
 |
|
|
|
|
|
|
|
|
 |
 |
 |
|